2015 in review | Oder immer diese Wiederholungen

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 25.000 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 9 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.
Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Die Statistik-Elfen wählten nun schon zum dritten Mal hintereinander dasselbe sprachliche Bild für ihre Berechnungen. Was nun?
Zum dritten Mal in Folge das Opernhaus von Sydney als Aufhänger für eine Jahresstatistik-Therapiegeschichte nehmen? Schon wieder?

Wiederholungen sind sinnvoll, um beispielsweise tägliche Verrichtungen zu vereinfachen. Der Ablauf prägt sich ein. Es ist dann nicht mehr nötig, mit voller Aufmerksamkeit die Kaffeemaschine ganz bewusst mit den richtigen Mengen Wasser und Kaffeepulver zu befüllen. Das geht dann fast wie automatisch. Das ist sehr praktisch, wenn man morgens noch schlaftrunken in die Küche wankt.
Wiederholungen sind wichtig, wenn man zum Beispiel Lesen, Rechnen oder Fahrradfahren lernen will.
Beim Sport werden Bewegungsabläufe durch Wiederholungen trainiert. Der Körper merkt sich das, kann dann ganz schnell reagieren und das Gelernte abrufen.
Müsste jede einzelne, noch so kleine Bewegung ganz bewusst ausgeführt werden, würde kein Torwart den Ball halten, könnte keine Tänzerin Pirouetten drehen.
Durch Wiederholung wird gelernt, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, passende Bedeutungen zuzuordnen und brauchbare Verhaltensweisen abzuleiten.
Müsste man in jedem einzelnen Moment erst überlegen, welches Verhalten gerade angemessen ist, keine Mutter könnte ihr Kind trösten, kein verlässlicher zwischenmenschlicher Kontakt wäre möglich.

Was aber ist, wenn Wiederholungen nicht auf sinnvolle Weise helfen, den Alltag zu meistern, Verletzungen beim Sport zu vermeiden oder das menschliche Miteinander erfüllend zu gestalten?

Wenn man beispielsweise immer wieder zu sich selbst sagt „das kannst du nicht – aus dir wird nie was – das tut man nicht – das darf man nicht.
Oder wenn man immer wieder glaubt „die anderen wollen immer ihren Willen durchsetzen – der andere denkt, ich bin schlecht – die anderen wollen nicht, dass ich erfolgreich bin – die anderen tun das nur, um mich zu ärgern„.
Oder man hat immer wieder das Gefühl „nicht genügend zu bekommen für das, was man tut“ oder man fühlt sich immer wieder ungeliebt.
Oder man sucht immer wieder nach intensiver Nähe zu anderen Menschen und dann sind da immer wieder diese Schuldgefühle oder diese ständigen Vorwürfe.
Oder eigentlich wollte man doch schon lange dieses oder jenes in seinem Leben verändern, aber „das geht ja nicht, weil…„.

Wiederholt hat man schon an sich selbst Verhaltensweisen beobachtet, die einem mehr schaden als nützen. Immer wieder stößt man an diese inneren Begrenzungen, die scheinbar unmöglich machen, was doch eigentlich möglich ist.
Was dann?
Es anders machen.
Hat man schon versucht? Funktioniert nicht?
Wie kommt das?

Möglicherweise braucht es erst einmal eine gute Portion Verstehen, bevor man entdecken kann, was fehlt.

Ein Kind kann gezwungen sein, sich an schwierige Lebensumstände anzupassen.
Durch Wiederholung wird gelernt, was in einer solchen Situation am ehesten dafür geeignet ist.
Es ist eine enorme psychische Leistung, auf diese Weise widrige Gegebenheiten zu überstehen.

Das, was einst in einer Notsituation sinnvoll war, macht aber zu einem späteren Zeitpunkt im Leben keinen Sinn mehr.
Dennoch wird wiederholt, was früher einmal gelernt wurde. Auch dann, wenn schwierige Lebensumstände längst verlassen werden konnten.

Vielleicht steckt man immer wieder in der gleichen Art von Konflikten.
Vielleicht wünscht man sich immer wieder, den Motorradführerschein zu machen.
Vielleicht hat man sich schon zum x-ten Mal vorgenommen, beim nächsten Mal der Nachbarin nicht die Eier auszuleihen, die sie ja doch nie zurück bringt.
Vielleicht glaubt man, beim nächsten Mal wird alles besser. Man müsste nur einen anderen Chef, andere KollegInnen, eine andere Arbeit, andere Nachbarn, eine andere PartnerIn, eine andere Figur oder eine andere Wohnung haben.
Vielleicht sind da immer wieder diese Gedanken, die einen denken lassen, man ist dick, dumm, häßlich, unfähig oder unbeliebt.
Vielleicht gerät man immer wieder auch schon bei Kleinigkeiten in Wut.
Vielleicht zaudert man immer wieder bei Entscheidungen und verpasst so jede gute Chance.
Vielleicht ist man immer wieder zu streng zu den anderen.
Vielleicht ist man immer wieder zu streng zu sich selbst.

Und dann nimmt man sich vor: Beim nächsten Mal mach ich’s anders.
Doch dann, schon wieder.
Immer diese Wiederholungen
.

Wie kommt es, dass ich immer wieder etwas tue, was ich eigentlich nicht will oder von dem ich schon weiß, dass es mir schadet?
Wieso nehme ich mir immer wieder vor, etwas zu tun, das mir gut tut oder freundlicher zu mir oder anderen zu sein und schaffe es dann nicht?
Warum hänge ich immer wieder in den selben destruktiven Gedankenschleifen, obwohl ich doch weiß, dass ich mich dann ganz mies fühle?

Wenn man sich das zu fragen beginnt, hat man schon den ersten Schritt getan auf dem Weg raus aus dieser Art von Wiederholungen.

Gestalttherapie arbeitet mit dem Begriff Awareness (Bewusstheit).
Was vielleicht in Kindertagen aus der Not heraus gelernt werden musste, wiederholt man auch später immer wieder. Unbewusst. Weil es damals geholfen hat.
So lange, bis man es sich ins Bewusstsein holt.
Dann kann man beginnen, bewusst wahrzunehmen, zu verstehen, was damals war und was jetzt ist. Damit man jetzt verändern kann, was einen einschränkt oder unglücklich macht.

Ein Text von Charlie Chaplin bringt zum Ausdruck, wohin die Reise gehen kann, wenn man sich auf den Weg der Bewusstwerdung, des Verstehens und des liebevollen Annehmens seiner selbst macht.

„Als ich mich selbst zu lieben begann…
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: Das nennt man AUTHENTISCH SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, wie sehr es jemand beleidigen kann, wenn ich versuche, diesem Menschen meine Wünsche aufzudrücken, obwohl ich wusste, dass die Zeit nicht reif war und der Mensch nicht bereit, und auch wenn ich selbst dieser Mensch war.
Heute weiß ich: Das nennt man RESPEKT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Einladung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man REIFE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist – von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: Das nennt man SELBST-VERTRAUEN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Freude und Glück bringt, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem eigenen Rhythmus.
Heute weiß ich, das nennt man EINFACHHEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“, aber heute weiß ich, das ist SELBSTLIEBE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen, so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: das nennt man BESCHEIDENHEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen.
Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet, so lebe ich heute jeden Tag, Tag für Tag, und nenne es ERFÜLLUNG.

Als ich mich selbst zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken behindern und krank machen kann. Als ich mich jedoch mit meinem Herzen verband, bekam der Verstand einen wertvollen Verbündeten.
Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN !

Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959


Zum Weiterlesen:

As I began to love myself (Charlie Chaplin)

Meine Gestalt (Moon Stegk)


 

Über Moon Stegk

Gestalttherapeutin & Heilpraktikerin für Psychotherapie | Körperorientierte Gestalttherapie | Traumatherapie | Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz | Therapie bei Trauma-Folgestörungen durch körperliche, emotionale, sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung
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2 Antworten zu 2015 in review | Oder immer diese Wiederholungen

  1. Ilka Hasse schreibt:

    Das ist ja wunderbar geworden. Ilka

  2. Maria schreibt:

    …einmal mehr eine Bestätigung für mich Charlie Chaplin zu lieben. Danke schön für den tollen Beitrag.

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