Gestalttherapie | Kontaktstörungen

Kontakt ist ein komplexer Prozess, bestehend aus ineinander übergehenden Kontaktphasen, die zusammen einen Kontaktzyklus bilden.
In der Gestalttherapie wird von Kontaktstörungen gesprochen, wenn im Kontakt bzw. an der Kontaktgrenze Unterbrechungen ohne Bewusstheit stattfinden.

KONTAKT-FUNKTIONEN

Kontakt ist belebend und nährend.
Sehen, Zuhören, Berühren, Sprechen, Bewegen, Riechen und Schmecken sind Funktionen, mit denen Kontakt hergestellt werden kann.
Ein Blick kann berühren wie ein sanftes Streicheln. Zuhören ist ein aktiver Prozess. Eine liebevolle Umarmung berührt die Seele. Ein Wort kann verbinden. Bewegungen können auf etwas zu oder von etwas weg fließen.
Riechen und Schmecken sind nicht nur basale Kontaktfunktionen in Bezug auf die Nahrungsaufnahme. Mit dem Geruchs- und Geschmackssinn wird Kontakt zur Umwelt hergestellt.
Im übertragenen Sinn sprechen wir von „das schmeckt mit nicht“, wenn uns bei einer Sache unwohl ist oder von „das ist nicht mein Geschmack“, wenn uns etwas nicht gefällt. Von „das stinkt mir“ wird gesprochen, wenn man sehr verärgert ist. „Den kann ich nicht riechen“ wird gesagt, wenn man jemanden nicht leiden kann.

Kontakt kann ausgewichen und unterbrochen werden.
Wegblicken. So tun, als würde man zuhören, während man eigentlich selbst sprechen will. Das Thema wechseln. Mit leiser, monotoner Stimme sprechen. Ohne „Punkt und Komma“ reden. Etwas weg-lachen. Nicht still-sitzen-können. Unbeholfene Gestik. Sich abwenden. Verschlossene Körperhaltung, u.v.m.

KONTAKT-STÖRUNGEN

Kontaktstörungen sind dauerhafte Muster, mit denen Kontakt unbewusst unterbrochen wird. An jeweils typischen Stellen im Kontaktzyklus werden bestimmte Arten von Kontaktstörungen aktiv.

Introjektion
Etwas wird „als Ganzes“ geschluckt. Es findet keine Assimilation (Angleichung, Einordnung) statt. Integration (Anpassung, Verbindung) wird nicht hergestellt. Es wird „unverdaut“ etwas in sich aufgenommen.
Wie ein Fremdkörper liegen unangepasste Glaubensätze schwer im Magen: „Iss den Teller leer.“ „Sitz grade.“ „Das kannst du nicht.“ „Aus dir wird nie was.“ „Das tut man nicht.“ „Das darf man nicht.“

Projektion
Eigene Gefühle und eigenes Handeln können nicht akzeptiert werden, weil auf diese Weise nicht gefühlt und gehandelt werden „sollte“.  Der Projektion liegen Introjekte zugrunde.
Der Gewissenkonflikt wird gelöst, indem man eigenes Fühlen, Wollen oder Tun jemand anderem zuschreibt: Der andere „ist sauer auf mich“, „will mir Böses“, „will immer seinen Willen durchsetzen“. Der andere „denkt…“, „will…“, „tut…“.

Retroflektion
Impulse, die ursprünglich auf jemand anderes gerichtet waren, werden auf sich selbst zurückgelenkt. Diese Impulse können sowohl freundlich als auch feindlich sein.
„ Niemand gibt mir Anerkennung – deshalb muss ich mich belohnen.“ – „Wut ist etwas Schlechtes – ich muss mich dafür bestrafen.“

Deflektion
Die Intensität des Kontakts wird abgeschwächt durch z.B. Weitschweifigkeit, übertriebene Ausdrucksweise, nichtssagende Plattitüden, stereotype Sprache (Diplomatemsprache, Klassenclown). Es wird auf die Befriedung eines wahrgenommenen Bedürfnis verzichtet, ohne zu prüfen, ob es befriedigt werden könnte. Handlungen verfehlen ihr Ziel.
Es entstehen Gefühle von „nicht genügend zu bekommen für das, was man tut“ oder sich „ungerührt, gelangweilt, verwirrt, ungeliebt“ zu fühlen.

Konfluenz
Kontaktgrenzen zur Umwelt fehlen. Die Kontaktfunktion des Konfliktes fehlt. Ziel dieser Verschmelzung ist Harmonie und Nähe – um den Preis der Wahrung von Grenzen.
Jede Abweichung stört den Frieden. Folge sind oft Schuldgefühle oder Groll.
„Ich bin wie du – du bist wie ich – ich denke, was du denkst – du fühlst wie ich.“

Egotismus
Unterdrückung von Handlungsimpulsen. Entscheidungen werden vermieden. Das Bedenken von Für und Wider geht eher Richtung Letzteres. Kontakt wird vermieden aus Angst vor Verschmelzung, weil befürchtet wird, nicht wieder zur eigenen Position zurückzufinden. Es wird festgehalten. Man ist nicht frei für Neues.
Es wird beständig nach Unterscheidungen gesucht, die „beweisen“, dass andere, neue, unbekannte Möglichkeiten nur falsch sein können – seien es auch nur Nuancen: „Grundsätzlich bin schon deiner Meinung, aber…“ – „Das geht nicht, weil…“

KONTAKT-UNTERBRECHUNGEN & KONTAKT-STÖRUNGEN

Kontaktunterbrechungen können sinnvolle Mechanismen sein.
Bei einer Meinungsverschiedenheit mit dem Chef kann ein diplomatisches Auftreten (Deflektion) besseren Erfolg bringen als ungefilterter Ausdruck eigener Verärgerung.
Eine gesunde Form von Retroflektion ist gute Selbstfürsorge.
Die schönsten Formen von Konfluenz sind sicher Verliebtheit oder die liebevolle Verschmelzung zwischen einem Baby und seiner Mutter.

Kontaktstörungen sind Vermeidungsstrategien.
An bestimmten Stellen des Kontaktzyklus wird Kontakt gestört oder unterbrochen. Ein Kontaktzyklus besteht aus den vier Kontaktphasen: Vorkontakt – Kontaktanbahnung – Vollkontakt – Nachkontakt.
Diesen Kontaktphasen werden die jeweiligen Kontaktstörungen zugeordnet.

Kontaktphasen & Kontaktstörungen

Gestalttherapie: Kontaktphasen & Kontaktstörungen
Für eine größere Darstellung bitte anklicken.

 

Erregungskurve nach W. Reich  Kontaktphasen & Kontaktstörungen

Erregungskurve nach W. Reich
Kontaktphasen & Kontaktstörungen

Wo und wann auch immer eine Grenze existent wird, wird sie sowohl als Kontakt wie auch als Isolation empfunden.“
(Erving & Miriam Polster, aus: „Gestalttherapie“)

Kontaktstörungen sind Be-Grenzungen.
Eigentlich vorhandene Möglichkeiten werden eingeschränkt. Das geschieht unbewusst. Kompensationsversuche laufen daher ins Leere oder verstärken die unbewussten Muster. Mangel kann nicht befriedigend ausgeglichen werden. Der Hunger bleibt.

Gestalttherapie anerkennt Kontaktstörungen als kreative Leistung der Seele, schwierigen Lebensumständen zu begegnen.

Wird ein Kind hineingeboren in ein Umfeld, dass beispielsweise alles Andersartige ablehnt, wird es sich anpassen müssen, um überleben zu können.
Konfluenz (sich nicht von der Umgebung unterscheiden) ist dann die beste Option, die gewählt werden kann.
Die Forderung „sei wie wir“ wird unverdaut „geschluckt“ (Introjektion) und kann sich später als Projektion nach außen auf andere Menschen richten mit dem Empfinden, die anderen würden das von einem verlangen.
Wohin mit der Wut, wenn Wut bzw. der Ausdruck von Wut in der Familie als moralisch schlecht bewertet oder bestraft wird?
Aggression kann als Retroflektion nach innen gerichtet werden, indem sich ein negatives Selbstbild entwickelt („ich bin böse/unfähig“) oder in Form mangelnder Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen („ich kann doch nichts dafür“).
Deflektion kann sich zeigen, indem man sich Bedürfnisbefriedigung versagt oder in der Unfähigkeit, zu verzichten.

Gestalttherapie unterstützt die Bewusstwerdung dieser inneren Prozesse.

Die bewusste Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Empfindungen, deren Akzeptanz und Wertschätzung ist die Basis für ein freies und selbstbestimmtes Leben, in dem Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung realistisch eingeschätzt, abgewogen, ausgewählt und realisiert werden können.

Negative Glaubenssätze können identifiziert werden als etwas, das „unbesehen einverleibt“ wurde. Es kann überprüft werden, ob alte Glaubenssätze heute noch Bestand haben sollen oder an die aktuelle Lebenssituation angepasst werden können.
Noch nicht verarbeitete Konflikte können bearbeitet und seelische Verletzungen (unfinished business, offene Gestalten) können auf den Weg der Heilung gebracht werden.

Kontakt ist die Verbindungsstelle zwischen dem Ich und dem Du, dem Selbst und der Umwelt, zwischen Körper, Seele und Geist.
Kontaktstörungen können als ehemals notwendige Anpassungsleistung eines Kindes erkannt und anerkannt werden.
Eines Kindes, das in einer nicht ausreichend unterstützenden Umgebung die beste Option wählte, die es hatte: den Kontakt zu unterbrechen zu seelischen Überforderungen im Außen (Bindungspersonen, Lebensumstände) wie im Innen (überwältigende Gefühle, nicht gestillte Bedürfnisse).

Gestalttherapie unterstützt das wieder-in-Verbindung-treten mit sich selbst und der Umwelt.
Wachstumsmöglichkeiten im Hier und Jetzt werden gefördert.
Der Schwerpunkt liegt dabei immer auf der
Verwirklichung der in uns vorhandenen Potentiale.

Die Grenzlinie, an der Kontakt geschlossen werden kann, ist ein durchlässiger, pulsierender Ort.“
(Erving & Miriam Polster, aus: „Gestalttherapie“)

Über Moon Stegk

Gestalttherapeutin & Heilpraktikerin für Psychotherapie | Körperorientierte Gestalttherapie | Traumatherapie | Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz | Therapie bei Trauma-Folgestörungen durch körperliche, emotionale, sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung
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5 Antworten zu Gestalttherapie | Kontaktstörungen

  1. Pingback: Gestalttherapie | Kontaktphasen | blog_gestalttherapie_luebeck

  2. jerryfaber schreibt:

    Hat dies auf Jerry's Blog rebloggt und kommentierte:
    Unser Ansatz, die PhaEmoTherapie® und die Gestalttherapie ähneln sich in einigen Punkten. Es gibt Überschneidungen und Unterschiede; insgesamt könnte mann/frau sagen, dass beide Richtungen miteinander verwandt sind.

  3. Peter Reitz schreibt:

    Schönes Zitat oben im web aus der Gestaltpsychologie: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“? Von wem war dies noch…? *Grübel*

    • Moon Stegk schreibt:

      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile“ ist eng mit der Gestalttherapie verknüpft. Es spiegelt gestalttherapeutisches Störungskonzept und Haltung von GestalttherapeutInnen wieder.

      Das Zitat selbst soll zurückgegehen auf den Gestaltpsychologen Wolfgang Metzger, wird aber auch (in z.T. ähnlicher Form) anderen zugeschrieben, wie z.B. Aristoteles oder Laotze.

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