Traumatherapie | Die drei Phasen der Traumatherapie

Ziel einer Traumatherapie ist es, die im Gehirn „eingefrorenen“ Trauma-Inhalte zu „entschärfen“ und in die Persönlichkeit zu integrieren.

Wird der „Eiszapfen im Gehirn“ durch einen aktuellen Reiz (Trigger) angestoßen, wird der Organismus von sogenannten Intrusionen überschwemmt.
Intrusionen sind wie ein ständiges Wiedererleben des Traumas, so als würde das Grauen „Hier und Jetzt“ wieder und wieder geschehen.
(siehe auchTrauma und Traumatherapiein diesem Blog)

Durch die Verarbeitung eines Traumas in einer Traumatherapie wird dem Trauma-Ereignis ein erinnerbarer Platz in der Lebensbiografie zugewiesen.  So kann aus dem Empfinden, „es geschieht Hier und Jetzt“, ein „es geschah Dort und Damals“ werden. Das bedeutet, dass an die Geschehnisse gedacht werden kann, ohne emotional unkontrolliert überschwemmt zu werden.

Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung

Damit das gelingen kann, muss ein stabiles Arbeitsbündnis zwischen KlientIn und TherapeutIn erarbeitet werden.

Ein Mensch, der Opfer extremer Gewalt geworden ist, verliert durch die Traumatisierung das Gefühl innerer Sicherheit. Dies gilt ganz besonders bei frühen Traumatisierungen in der Kindheit und bei sogenannten Bindungstraumata.

Ein Bindungstrauma kann entstehen durch eine frühe Trennung von den Eltern, beispielsweise durch einen längeren Krankenhausaufenthalt verbunden mit einem (früher üblichen) Besuchsverbot. Ein Bindungstrauma kann auch verursacht werden durch Eltern, die in ihrem Verhalten als unberechenbar erlebt wurden und durch Vernachlässigung.

In der Therapie wird daran gearbeitet, wieder innere Sicherheit und Stabilität aufzubauen.

Bevor das für die KlientIn spürbar wird, sitzt sie aber erst einmal einer TherapeutIn gegenüber, der sie für eine gemeinsame erfolgreiche Arbeit vertrauen „muss“. Das Gefühl von Vertrauen in sich und andere wurde aber ebenfalls durch das Trauma schwer erschüttert.

Um ein Mindestmaß an Vertrauen und Sicherheit entstehen zu lassen, muss die KlientIn die TherapeutIn immer wieder als achtsames und verlässliches Gegenüber erleben.
Insbesondere bei Traumatisierungen durch sexualisierte Gewalt besteht bei Betroffenen die Überzeugung, für andere „unzumutbar“ zu sein und die Angst, niemand könne die Schilderungen grausamster Gewalt ertragen.

Der Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn nimmt zusammen mit der ersten Phase der Stabilisierung den zeitlich größten Anteil einer Traumatherapie ein.

Die drei Phasen einer Traumatherapie

Stabilisierung

Die Stabilisierungsphase dient dazu, körperliche und seelische Stabilität, verbunden mit dem Gefühl innerer Sicherheit, (zurück) zu erlangen.
Durch die Stabilisierungsarbeit können Symptome so deutlich reduziert werden bzw. die Betroffenen haben einen so guten Umgang damit erlernt, dass KlientInnen auch mit einer verbleibenden Restsymptomatik eine recht gute Lebensqualität erlangen können.

Für die Trauma-Arbeit muss die äußere Sicherheit der KlientIn gewährleistet sein.  Zu den Faktoren äußerer Sicherheit gehören beispielsweise ausreichende medizinische Versorgung, stabiles soziales Umfeld, wirtschaftliche Eigenständigkeit sowie eine finanzielle Grundsicherung.

Eine Frau, die aktuell häusliche Gewalt durch den Partner erlebt, wird nicht in der Lage sein, frühkindliche Traumatisierungen zu bearbeiten. Ein Mann, der Opfer eines Überfalls wurde und den Tätern während der Gerichtsverhandlung gegenüber stehen muss, kann nicht gleichzeitig das Trauma bewältigen.

Bei bestehendem Täterkontakt, destruktiven sozialen Kontakten und/oder finanzieller Not muss zu allererst ein Mindestmaß an äußerer Sicherheit geschaffen und ein erträgliches Ausmaß der Symptome erarbeitet werden.

Körperliche Beschwerden brauchen ebenfalls eine geeignete Behandlung.  Ehemals unversorgte Verletzungen, entstanden durch frühere Gewalteinwirkungen, brauchen ebenso eine gute medizinische  Versorgung, wie muskuläre Verspannungen als Ausdruck seelischer Not und Anspannung.
Therapiebegleitende Mitbehandlung durch ÄrztInnen verschiedener Fachrichtungen, HeilpraktikerInnen und PsysiotherapeutInnen ist sinnvoll und oft zwingend erforderlich.

Eine gute Psychoedukation sorgt dafür, dass KlientInnen die Folgen und Symptome der Traumatisierung verstehen lernen. Das Gefühl „verrückt zu sein“ wird deutlich reduziert, wenn verstehbarer wird, was da mit einem passiert und warum.

In der Traumatherapie geht es zu Beginn vor allem um einen besseren Umgang mit den Trauma-Folgen.

Ziel ist, dass Betroffene Kontrolle über die Zustände des Wieder-Erlebens erlangen. Die KlientInnen lernen, wie überschwemmende Gefühlszustände, Nachhallerinnerungen, Panikattacken und Spannungszustände unterbrochen werden können. Dadurch wird bereits eine Linderung erreicht.

Es wird u.a. daran gearbeitet, Dissoziationen („wegbeamen“) frühzeitiger zu bemerken, sich zunehmend erfolgreicher zu reorientieren (bewusst wahrnehmen und spüren, dass „es“ hier und heute vorbei ist) und sich immer besser von Intrusionen (Überflutungen von schwer aushaltbaren Gefühlen und Sinneseindrücken) und  Flashbacks (bildhafte Nachhallerinnerungen) distanzieren zu können.

Dazu wird an der Verbesserung von Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge gearbeitet. Eigene „verschüttete“ Stärken werden wieder „ausgegraben“ und gestärkt und es geht um eine bessere Regulation von Gefühlen und Spannungszuständen. Ebenso werden Fähigkeiten im Umgang mit Krisen und Notfallpläne (z.B. bei Suizidalität) erarbeitet.

Bei ausreichender Stabilität wird besprochen, ob eine weitere Bearbeitung nötig bzw. sinnvoll ist.

Trauma-Exposition

In der Phase der Trauma-Exposition geht es um die Konfrontation mit den traumatischen Ereignissen. Ziel ist eine Veränderung der kognitiven und emotionalen Bewertung des Trauma-Geschehens.

Die in der Amygdala als „eingefrorene Einzelteile“  abgelegten Trauma-Inhalte (Bilder, Gefühle, Körperempfindungen, Glaubenssätze) werden „verdaubar“ gemacht.

Durch das Zusammenfügen der Bruchstücke  zu einem zusammenhängenden Geschehen kann den Erlebnissen als Teil der Vergangenheit ein Platz in der Lebensgeschichte zugeordnet werden. Das Trauma  wird zu einer (schrecklichen) „Erinnerung“ und damit zu etwas, „das damals war“, das aber heute kein unerträgliches Leid mehr verursacht.

Durch die Auseinandersetzung mit Trauma-Inhalten entsteht  Nähe zu dem damaligen Erleben von Schmerz, Ausgeliefertsein, Ohnmacht und Grauen. Um die Gefahr einer Retraumatisierung zu vermeiden, muss sehr sorgsam und vorsichtig gearbeitet werden.

Bei sehr komplexen Traumatisierungen kann eine Auseinandersetzung mit Trauma-Inhalten auch das Risiko von Destabilisierung und Retraumatisierung durch Widererleben des alten Traumas beinhalten.

In der Phase der Trauma-Exposition muss deshalb immer wieder für Stabilisierung gesorgt werden. Die in der Phase der Stabilisierung erarbeiten Fähigkeiten werden hierzu weiter trainiert und gestärkt.

Unter bestimmten Umständen ist das Risiko von Destabilisierung und Retraumatisierung zu groß, um mit der Trauma-Exposition zu beginnen.

Bei schweren Dissoziationen, unzureichender Affektregulation und/oder Distanzierungsfähigkeit, sowie unkontrollierten autoaggressiven Zuständen mit selbstverletzendem Verhalten (SVV) muss die Trauma-Exposition unterbrochen und ausschließlich stabilisierend gearbeitet werden.

Absolute Kontraindikationen für eine Trauma-Exposition sind Psychosen, Suizidalität und anhaltender Täterkontakt.

Bei wiederholten bzw. über lange Zeit andauernden Traumatisierungen muss nicht jedes einzelne Trauma-Ereignis bearbeitet werden. Als Faustregel gilt: Das erste, das letzte und das schlimmste Trauma bearbeiten.

Zusammen mit der KlientIn wird besprochen, welche Situation(en) angeschaut werden sollen. Es gilt, nur das zu bearbeiten, was unbedingt nötig ist, um die Trauma-Folgen zu reduzieren oder zu beseitigen.

Traumatherapie erfüllt keinen Selbstzweck. Traumatherapie ist anstrengend.
Es geht um Linderung von Qualen und um Verbesserung von Lebensqualität.
Unnötiges „Ausgraben“ alter Traumata würde unnötige Quälerei ohne einen Zugewinn von Wohlbefinden bedeuten.

Integrationsphase

In der Integrationsphase geht es um die Einordnung des Erlebten in die persönliche Lebensgeschichte. Es geht um Trauer, Überprüfung der aktuellen Lebenssituation und Neuorientierung.

Zur Neuorientierung gehört auch eine Neubewertung von erlittenem Schmerz, Verzweiflung und Gefühlen von Scham und Schuld.

Gefühle von Scham und Schuld sind besonders hartnäckig.
Nicht nur der „Kopf“ muss verstehen, dass das damalige Täter-Verhalten durch nichts zu rechtfertigen ist. Vor allem muss der „Bauch“ begreifen lernen, dass nichts, was die Betroffenen gesagt oder getan oder nicht gesagt oder nicht getan haben, die erlittene Gewalt verursacht oder auch nur dazu beigetragen hat.
Verantwortlich für die Tat(en) ist allein der Täter. Der Täter trägt sowohl moralisch als auch juristisch die Schuld für sein Handeln.

Es gibt vieles zu betrauern.
Trauer um die Zeit, die mit traumabedingten Einschränkungen gelebt werden musste. Trauer um Verlust von Beziehungen und/oder Erwerbstätigkeit, um nicht nutzbare Möglichkeiten, um das lange Fehlen von Leichtigkeit, nährender menschlicher Nähe und dem Gefühl von Identität.

Besonders bei frühen Traumatisierungen braucht die Trauer um nie gelebte Kindheit oder Jugend, um nicht erhaltene elterliche Fürsorge, Schutz und Liebe viel Raum.

Es muss ein angemessener Umgang mit Wut gefunden werden.
Wut darüber, dass es vielleicht keine Möglichkeit (mehr) gibt, den/die Täter zur Verantwortung zu ziehen bzw. dass keine Verurteilung vor Gericht erreicht werden konnte. Wut darauf, dass im sozialen Nahfeld niemand da war, der half.
Oder Wut darüber, dass der Leidensweg unnötig verlängert wurde, weil lange Zeit keine geeignete TherapeutIn gefunden werden konnte oder Krankenkassen eine Traumatherapie nicht oder in nicht ausreichender Stundenzahl bezahlen wollten/konnten oder Behörden (für die Betroffenen) unerträglich lange Bearbeitungszeiten für berechtigte Ansprüche benötigten.

In der Integrationsphase kann es auch um Sinnfragen gehen.
Kann sinnlose Gewalt und das Erleiden höllischer Qualen einen Sinn haben?

Trauma-Opfer mussten zum Überleben ganz besondere Fähigkeiten ausbilden. Wenn diese Eigenschaften und Fähigkeiten von den Betroffenen in dem „Leben danach“ als einzigartige persönliche Stärken anerkannt und geschätzt werden können, kann es auch gelingen diese „Überlebens“-Fähigkeiten „sinn“-voll für sich und andere einzusetzen.

Die Beschäftigung mit Themen wie Aussöhnung oder Vergebung erleben manche als befreiend. Um zu heilen muss nicht vergeben werden, was unverzeihlich ist. Entsteht ein inneres Bedürfnis bei der KlientIn, muss dieses Thema Raum in der Therapie bekommen.

Die Beschäftigung mit dem Thema Spiritualität kann ebenso sinnstiftend als auch heilungsfördernd sein. Spiritualität muss in einer Therapie Platz haben dürfen, wenn das für die KlientIn wichtig ist.

Themen wie Spiritualität und Vergebung dürfen niemals an den Erfolg einer Therapie geknüpft werden.

Teil des Heilungsprozesses ist dann schließlich auch die Neuentdeckung der Welt und die Entwicklung neuer Perspektiven.

Welche Wünsche und Ziele gibt es in Hinblick auf die berufliche Zukunft. Wie sollen soziale Beziehungen zukünftig gestaltet werden. Was soll Teil des eigenen Lebens sein und was nicht. Das Erreichen welcher Ziele ist kurz-, mittel-, langfristig realistisch.

Anerkennen, das „es“ so war, verbunden mit dem Loslassen des destruktiven Anteils der Empfindungen/Gefühle, könnte dann münden in ein:
„Es war grauenvoll. Es ist mir passiert. Jetzt ist es vorbei. Es bestimmt nicht mehr mein Leben.“

Ein solcher Heilungsprozess braucht Zeit.
Die Dauer hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab: äußere Sicherheit, soziales Umfeld, stabile therapeutische Arbeitsbeziehung, andere psychische Belastungen/Störungen, Ausmaß der Gewalt und Dauer/Zeitpunkt der Traumatisierung(en),  u.v.a.m.

Beispielweise kann ein akutes Monotrauma (ein einzelnes Trauma-Ereignis) bei einem Erwachsenen mit ansonsten stabiler Psyche, einem unterstützendem sozialen Umfeld und in gesicherten Verhältnissen lebend,  durch eine Traumatherapie so bearbeitet werden, dass die Traumatisierung nach wenigen Monaten folgenlos ausheilen kann.

Bei einem Komplex-Trauma, entstanden durch lang anhaltende oder Serien wiederholter traumatischer Einzelereignisse, kann eine Traumatherapie auch viele Monate bis etliche Jahre in Anspruch nehmen. Ganz besonders gilt dies bei sehr frühen Traumatisierungen in der Kindheit und Jugend und ganz besonders bei Traumatisierungen durch sexualisierte Gewalt oder Kriegserlebnisse.

Über Moon Stegk

Gestalttherapeutin & Heilpraktikerin für Psychotherapie | Körperorientierte Gestalttherapie | Traumatherapie | Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz | Therapie bei Trauma-Folgestörungen durch körperliche, emotionale, sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung
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9 Antworten zu Traumatherapie | Die drei Phasen der Traumatherapie

  1. Pingback: Traumatherapie | Techniken & Methoden | Teil I | blog_gestalttherapie_luebeck

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  3. Psychotherapie schreibt:

    Vielen Dank für diesen wirklich sehr informativen Überblick! In unserer Praxis wenden einige Kollegen insbesondere auch das EMDR-Verfahren von Shapiro in der Psychotherapie von Traumafolgestörungen an. Ich bin mir nicht sicher, wie weit die Evidenzbasierung hierfür gediehen ist, aber es scheint eine sehr wirkungsvolle Methode zu sein … was hierzu jemand Näheres? Viele Grüße aus München!

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  5. M. Diekerhof schreibt:

    Ja Fritz Riemann hat wohl Grundlagenarbeit geleistet. Und es dauerte wieder viele Jahre bis Laurence Heller mit „Entwicklungstrauma heilen“ aus den Grundängsten eine Beschreibung der Kernressourcen entwickelte, die jeder Mensch zwischen Zeugung und ca. dem 5. Lebensjahr zu entwickeln versucht.
    Schön dieses Modell der drei Phasen der Traumatherapie, nur nicht für Entwicklungstraumata.
    Leider gibt es bis heute keine Therapieform, die wirklich auf frühe Entwicklungstrauma eingeht. Auch nicht das SE somatic experiencing von Peter Levine – oder EMDR basierte, kognitive Verfahren, die eine Neuprogrammierung anstreben, oder imaginative Verfahren.
    Ein Beispiel: Wenn in den ersten Schwangerschaftswochen und Monaten die Mutter in permanenter Angst und Panik war, weil der Vater das Kind ablehnte, die Mutter ev. bedrohte, sie massiv unter Druck setzte abzutreiben … dann bekommt das das ungeborene Kind mit. Und zwar mit allen seinen Zellen und nicht nur mit seinen Nervenzellen. Das Nervensystem ist in den ersten Wochen der Schwangerschaft nur rudimentär entwickelt. Jede Hautzelle, Muskelzelle, jede Zelle des Stützgewebes erfährt den überflutenden Stress ganz elementar z.B. durch Stresshormone, die über den Blutkreislauf auf den Embryo oder den Fötus übergehen. Es gibt noch keinerlei(!) Distanzierungsstrategien.
    Bei der Zellteilung dieser Zellen, wird die Erfahrung über diesen alles überflutenden, existenzbedrohenden Stress an die Tochterzellen immer wieder weitergegeben. Das „Wissen“, die Erfahrung ist in den Zellen abgelegt, nicht nur in den Nervenzellen.

    Wie kommen Traumatherapeuten immer wieder auf den Punkt, dass nach einer Phase der Stabilisierung – wie soll diese gelingen, wenn bei wirklich Frühtraumatisierten (ressourcierende) Imagination nicht möglich ist – das Traumaereignis nach und nach angeschaut werden soll und der Klient dann erfahren könne, dass das alles in der Vergangenheit liegt und heute keine Macht mehr hat. Es gibt bei Entwicklungstraumata, die oft über Monate oder Jahre gelaufen sind, kein Einzelereignis, was anschaubar wäre. Es gibt keine Erinnerungen, denn der Hypothalamus war ja noch gar nicht entwickelt und gereift, um Erinnerungsspuren bilden zu können. Luise Reddemann hat sicher großartiges Geleistet, aber auch sie setzt auf Imagination. Wirklich frühtraumatisierte können oft nicht die Augen schliessen und ein Bild halten(!) – und es so z.B. zur Ressourcierung nutzen. Der Versuch das doch zu erzwingen, bringt extremsten Stress, bis hin zu schweren Sehstörungen bei solchen sicherlich gutgemeinten Versuchen.
    Auch der so gern zitierte Peter Levine beschreibt in seinem Lebenswerk „Sprache ohne Worte“ nur Akuttraumata. Ein befreundeter Therapeut teilte mir mit, in der dreijährigen Ausbildung bei P.L. sei nie das Wort Entwicklungstrauma gefallen und auch kein entsprechender Fall vorgestellt worden.

    Es wird Zeit, die Konzepte zur Behandlung von Akuttraumata nicht immer wieder auf Entwicklungstraumata anwenden zu wollen. Es wird Zeit Entwicklungstraumata wirklich von innen her erstmal zu begreifen, zu verstehen. Das ist noch nicht wirklich geleistet worden.
    Der Begriff Komplextrauma sollte nicht synonym zum Begriff Entwicklungstrauma verwendet werden.
    Langanhaltende traumatische Überflutungen vor dem Spracherwerb, bzw. in den ersten ca. drei Lebensjahren von der Zeugung ab gerechnet, brauchen eigene Konzepte und Strategien zur Behandlung, die es meines Wissens bis heute nicht gibt. Das tiefe Empfinden dieser Menschen in dieser Welt nicht willkommen zu sein, ganz fundamental keine Existenzberechtigung zu haben, das Leben nicht bejahen zu können, oft nicht einmal etwas positiv „wollen“ zu können, … das braucht einen eigenen Zugang, der noch nicht entwickelt worden ist. Sprache als Interaktionsform, die ja auch die Basis des SE oder imaginativer Verfahren ist, reicht da nicht aus, greift nicht tief genug. Es braucht wirklich einen eigenen Zugang für Menschen mit frühen Entwicklungstraumata. Und dieser Zugang müßte weitgehend sprachfrei sein. Insofern ging zumindest die Intention des Titels des Buches von P. Levine „Sprache ohne Worte“ in die richtige Richtung.

    • Moon Stegk schreibt:

      Bildhafte Trauma-Erinnerungen können vollständig fehlen, sowohl bei Mono- als auch bei Komplex-Trauma.
      Das gilt für Gewalt- und Bindungstrauma ebenso wie für transgenerationale Traumatisierungen.
      Bei frühen Traumatisierungen, insbesondere während der vorsprachlichen Entwicklungsphase, fehlen Worte zum Beschreiben des Erlebten.

      Bei Überlebenden früher und massiver Traumatisierungen „funktionen“ traumatherapeutische Methoden zu Beginn der Therapie häufig nicht oder nur bedingt.
      Imaginationen können Panik auslösen. Reorientierungs-/Distanzierungstechniken können auf intrapsychischen Widerstand stoßen, weil z.B. früh gelernt wurde „Veränderung bedeutet Gefahr“.

      Traumatherapeutische Methoden sind sinnvolle, unverzichtbare und effektive Hilfsmittel, die Überlebenden u.a. auch ein Gefühl für die eigene Handlungsfähigkeit zurückbringen und damit aus traumabedingten Ohnmachtsgefühlen heraushelfen.
      Wenn klassische traumatherapeutische Techniken nicht greifen (dürfen), muss die TherapeutIn in der Lage sein, diese individuell anzupassen oder (eine Zeitlang) ausschließlich auf dem Boden des Therapieverfahrens, in dem sie ausgebildet ist (mit dem Wissen um Psychotraumatologie), zu arbeiten.

      Traumabedingte Grundüberzeugungen wie z.B. „ich bin falsch/schlecht/ungewollt“ und „Menschen sind gefährlich/tun weh“ finden sich bei allen Überlebenden, unabhängig von Art, Zeitpunkt, Dauer der Traumatisierung(en).
      Um hier Veränderung auf den Weg zu bringen, braucht es in erster Linie die Erfahrung, dass der Kontakt zur TherapeutIn immer wieder als respektvoll, verlässlich und sicher erlebt werden kann.
      Kann Sprache nicht genutzt werden oder sind keine bildhaften Erinnerungen vorhanden, kann mit zahlreichen anderen kreativen Methoden Zugang gefunden werden zum inneren Erleben.
      Sprache dient der Kommunikation. Kommunikation findet zu einem großen Teil non-verbal statt.
      Funktionen zur Herstellung von Kontakt sind vielfältig und können in der Therapie genutzt werden (siehe Artikel: Gestalttherapie | Kontaktstörungen)

      Durch gute Traumatherapie sind Traumafolgen auch auf Zellebene reversibel.
      Ein Psychotherapieverfahren, das Kontakt als den wichtigsten Wirkfaktor betrachtet und kreative/non-verbale Methoden einsetzt bzw. eine TraumatherapeutIn, die verfahren-/methodenübergreifend arbeitet, kann diesen Prozess wirksam unterstützen.

      Konzepte sind notwendig und wichtig, um komplexe Zusammenhänge begreifen und wirksame Behandlungsmethoden entwickeln zu können.

      In der traumatherapeutischen Arbeit geht es um Menschen.
      Es geht um Wahrnehmung. Es geht um Erfahrungen. Es geht um den Unterschied zwischen Trauma-Zeit und Jetzt-Zeit.
      Es ist das eigene Erleben, dass es Jetzt anders ist als Damals. Es ist die eigene Erfahrung, dass man jetzt Einfluss hat.
      Diese Erfahrungen erreichen den ganzen Organismus.

    • Nicole schreibt:

      Danke, für die wichtigen Worte!

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