Das bestgehütete Geheimnis – Kindesmissbrauch – Nur in der katholischen Kirche?

1980 erschien ein Buch mit dem Titel „Das bestgehütete Geheimnis“. Die Autorin Florence Rush erregte mit diesem Buch über sexuellen Kindesmissbrauch internationales Aufsehen. Zum ersten Mal wurde das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert.

Viel ist seither geschehen. Betroffene finden heute in jeder größeren Stadt Beratungsstellen. Zunehmend mehr Therapeutinnen bieten sehr hilfreiche traumatherapeutische Verfahren an. Kliniken richten spezielle Abteilungen für Opfer sexualisierter Gewalt ein. Angehörige von Polizei und Justiz werden im Umgang mit Opfern geschult, um Retraumatisierungen durch notwendige Befragungen möglichst zu vermeiden.

2010 berichten die Medien über immer mehr bekannt werdende Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern durch Vertreter der katholischen Kirche. Nach und nach melden sich ehemalige Opfer zu Wort, berichten über Unaussprechliches – und brechen damit ein Tabu.

Das Tabu ist nicht die Tat als solche. Nach Schätzungen des Kriminologischen Instituts Hannover erleiden allein in Deutschland jährlich eine Million Kinder sexualisierte Gewalt.
Das Tabu ist das Reden über sexuelle Gewalt. Auch heute noch – 30 Jahre nach dem Erscheinen des Buches, das zum ersten Mal über das Verbrechen und zugrunde liegende Strukturen öffentlich spricht.

Die aktuelle Berichterstattung im Jahr 2010 fokussiert sich auf Jungen als Opfer und katholische Geistliche als Täter und erweckt damit ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit.
Jede einseitig ausgerichtete öffentliche Berichterstattung missachtet jene Opfer, die nicht erwähnt werden und lässt außer Acht, dass sich der Kreis der Täter nicht auf eine bestimmte Organisation, wie hier die katholische Kirche, eingrenzen lässt.

Sexualisierte Gewalt richtet sich zum größten Teil gegen Mädchen und Frauen. Nach Schätzungen ist jedes vierte bis zweite Mädchen und jeder zehnte Junge Opfer sexuellen Missbrauchs. Jede vierte Frau wird bis zu ihrem 16. Lebensjahr zumindest einmal Opfer von Gewalt nach juristischem Tatbestand § 173. Die Dunkelziffer ist hoch.

Richtig ist, dass Täter Männer sind; lt. Bundeskriminalamt zu 98,5%. Die Täter kommen bevorzugt aus dem sozialen Nahbereich;  wie Vater, Großvater, Onkel, Bruder, Cousin, Freund der Familie.
Täter suchen sich gerne Berufe oder ehrenamtliche Tätigkeiten, in denen sie Umgang mit Kindern haben: Schule, Sportverein – und eben auch Kirche.

Sexuelle Gewalt findet zumeist statt in Strukturen, die den Mißbrauch von Macht erlauben. Das sind Orte mit strengen hierarchischen Strukturen, an denen Rechte wie (sexuelle) Selbstbestimmung rigiden Regeln und Normen untergeordnet werden.
Das kann Familie sein, ebenso wie Schule, Internat, Kirche und andere Arten von Vereinigungen, in denen striktes Befolgen von strengen Ge- und Verboten gefordert wird, häufig unter Androhung von Strafe bei Missachtung.

Was aber bedeutet sexuelle Gewalt für die betroffenen Kinder, vor allem Mädchen, und Frauen? Welchen Schaden richtet diese Form von Gewalt an? Was sind die Folgen?
Sexualisierte Gewalt erschüttert die körperliche und seelische Integrität. Sie schlägt tiefe Wunden in die Identität des Menschen, der ihr ausgeliefert ist und erzeugt tiefste Verunsicherung in allen Bereichen menschlichen Erlebens.

Charakteristisch für ein seelisches Trauma sind vor allem diese Symptome:
In sogenannten Flashbacks tauchen unvermittelt Bilder oder Bruchstücke von Bildern des traumatischen Ereignisses auf. Sinnes- oder Körperempfindungen, die mit dem Trauma in Zusammenhang stehen, überfluten den Organismus.  Alpträume rauben den Schlaf.  Eine solche Extremstresssituation verursacht Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht, Angst und Scham. Gefühle von Betäubung wechseln ab mit Gefühlen von Panik und/oder Wut/Hass. Ein Grundgefühl permanenter Bedrohung breitet sich aus.

Solche Symptome können unterschiedlich stark ausgeprägt und von unterschiedlicher Dauer sein. Sie können zu unterschiedlichen Zeiten auftauchen – direkt im Anschluss an das (lebens-) bedrohliche Ereignis, Wochen bis Monate oder sogar viele Jahre danach.

Der unermessliche Schmerz ist von den Betroffenen kaum in Worte zu fassen. Sei es, dass sie als Kinder noch keine Worte für das hatten, was ihnen angetan wurde. Sei es, weil Gefühle von Scham und Schuld übermächtig sind oder weil Vertrauen in liebevolle menschliche Beziehungen nie aufgebaut werden konnte bzw. zutiefst erschüttert wurde.

Der einzige Weg heraus aus der Einsamkeit und des Leids ist das Tabu des Schweigens zu brechen.
Mit  Hilfe einer Therapie können Betroffene den Mut zu finden, Ihre Verletzungen anzuschauen, Wunden behutsam heilen lassen, erlebte Schrecken integrieren und kraftvoll persönliche Stärken zurück erobern. Sie können lernen, noch unbekannte oder verschüttete persönliche Stärken (wieder) zu finden, Grenzen (besser) wahrzunehmen und eigene Lebens-Räume mutiger und mit mehr innerer Wertschätzung zu gestalten.

Ein solcher Prozess erfordert Zeit.
Ziel muss zu allererst sein, einen Ort zu gestalten, an dem – vielleicht zum ersten Mal – Vertrauen wachsen und ein Gefühl von Sicherheit entstehen darf.

Das „bestgehütete Geheimnis“ ist ein schmutziges Geheimnis.
Solange es im Verborgenen existiert, wird es die Seele weiter zerfressen.  Das Schweigen muss gebrochen werden.
Dann ist es möglich, ein Gefühl für den eigenen Selbstwert zurückzuerlangen, Vertrauen in sich selbst und andere aufzubauen, Selbst-Sicherheit zu gewinnen und den Schrecken der Vergangenheit einen Platz in der eigenen Lebensbiografie zuzuweisen, ohne darin gefangen zu bleiben.

Diesen Weg zu gehen, erfordert Mut. Mit guter Unterstützung ist es möglich, ihn zu gehen. Schritt für Schritt.

Über Moon Stegk

Gestalttherapeutin & Heilpraktikerin für Psychotherapie | Körperorientierte Gestalttherapie | Traumatherapie | Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz | Therapie bei Trauma-Folgestörungen durch körperliche, emotionale, sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung
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10 Antworten zu Das bestgehütete Geheimnis – Kindesmissbrauch – Nur in der katholischen Kirche?

  1. Pingback: Sexueller Missbrauch | Folgen sexualisierter Gewalt | blog_gestalttherapie_luebeck

  2. Biggi schreibt:

    Genau. Für Frauen ist sexuelle Gewalt Alltag. In der Presse wird’s nur zum Thema, wenn’s Jungs passiert.

    • Moon Stegk schreibt:

      Es ist richtig, dass Gesellschaft und Presse im Umgang mit bekannt gewordenem sexuellen Missbrauch Unterschiede machen.
      Der Unterschied bei sexualisierter Gewalt gegen Jungen bzw. Mädchen, ist nicht die Tat als solche.
      Der Unterschied liegt in der Bewertung der Tat und dadurch z.T. auch in der Entwicklung geschlechtsspezifischer Symptome und Bewältigungsstrategien der Opfer.
      Das zugefügte Leid ist nicht weniger schlimm, wenn es Mädchen bzw. Jungen zugefügt wird.

  3. Kris schreibt:

    ….und das bestgehuetete Geheimnis ist ein schmutziges Geheimnis DER MAENNER!

    Diese Artikel ist differenziert gedacht und sehr gut geschrieben.

    • strandkrabbe schreibt:

      Und was ist mit DEN FRAUEN, die auch Täter sind, die ganz genau das gleiche tun wie DIESE MÄNNER???????

      • Moon Stegk schreibt:

        Vielen Dank für diese Anmerkung.
        Nach Schätzungen liegt der Frauenanteil bei ausgeübter sexualisierter Gewalt bei 2-3%. Wie überhaupt bei diesem Thema muss davon ausgegangen werden, dass auch hier die Dunkelziffer weitaus größer ist.

        Und auch hier gibt es ein Tabu. Auch hier ist das Tabu nicht: es zu tun.
        Das Tabu ist: darüber zu sprechen, auszusprechen, beim Namen zu nennen, was ist.
        Nämlich: Frauen als Täterinnen.

        Die gesellschaftlich zugeordnete Rolle von Frauen ist die der Nährenden, Schützenden, Duldenden, derjenigen, die sich um Kinder und emotionale Bedürfnisse der Familie kümmert, während sie eigene Bedürfnisse zurückstellt.
        Die Vorstellung, Frauen üben Gewalt gegen ihre Kinder aus, ist nicht vereinbar mit gesellschaftlichen Normen.

        Es ist schon (noch) „gewagt“, über Frauen als Täterinnen im Zusammenhang mit körperlicher/emotionaler Gewalt und Vernachlässigung zu sprechen.
        Frauen als Täterinnen und sexuellen Missbrauch in einem Atemzug zu nennen, trauen sich (noch) nur sehr wenige.
        Betroffene brauchen sehr viel Mut, es dennoch zu tun.
        Sexualisierte Gewalt durch Frauen, durch Mütter, erschüttert die Seele auf eine ganz eigene Weise und hinterlässt sehr, sehr tiefe Verwundungen.

        • strandkrabbe schreibt:

          Vielen Dank für diese ausführliche und sehr wertvolle Antwort.

          Ich würde sogar davon ausgehen, dass die Dunkelziffer bei Täterinnen, insbesondere bei Müttern als Täterinnen im Verhältnis zu der Dunkelziffer männlicher Täter deutlich höher ist. Es ist eine Sache, nicht über den als Kind durch einen anderen Menschen erlebten Missbrauch sprechen zu können. Ist dieser andere Mensch aber die eigene Mutter, ist es erheblich schwerer, das überhaupt zu glauben. Vielleicht sogar schwerer, als wenn der Täter der Vater ist.

          Sicherlich ist ein Grund, dass es gesellschaftlich tabuisiert wird. Ein anderer Grund könnte aber auch der Umstand sein, dass ein Kind in der Regel von Natur aus eine engere Bindung an die Mutter haben sollte. Schließlich gibt es diese Bindung ja schon während der Schwangerschaft. Als Kind zu merken, dass die Berührungen der Mutter nicht okay sind, ist doch wahrscheinlich schon deshalb erschwert, weil Berührungen durch die Mutter ja sooooo normal sind.

          Als Betroffene(r) darüber zu sprechen erfordert wohl auch deshalb sehr viel Mut, weil es so tabu ist. Wenn die x-te Therapeutin der Meinung ist, dass die Mutter okay sei und man ihr vergeben müsse, dass sie einen nicht vor den „bösen“ Männern beschützt hat, verliert man doch irgendwann den Mut, noch zu sagen was wirklich geschehen ist. Immer mehr bekommt man das Gefühl nur rumzuspinnen.

          Danke, dass es für Sie nicht tabu ist!

          • Moon Stegk schreibt:

            Die Mutter ist die erste Bindungsperson im Leben eines Menschen und das beginnt schon während der Schwangerschaft.
            Versorgung und Pflege des Kindes ist mit Berührungen verbunden, üblicherweise durch die Mutter.
            Den Unterschied zwischen guten und schlechten Berührungen kann ein Kind spüren. Es kann aber nicht dafür sorgen, dass die schlimmen Berührungen aufhören.

            Frauen als Täterinnen, sexueller Missbrauch durch Mütter ist in Therapien als Thema oft immer noch ein Tabu.
            Vergebung ist ein Bedürfnis, das entstehen kann, wenn genug Heilung stattfinden durfte.
            Vergeben müssen, ist eine Forderung, die nicht gestellt werden darf. TherapeutInnen dürfen Vergebung ganz gewiß weder erwarten noch fordern noch den Erfolg einer Therapie damit verknüpfen.

  4. Dragonfly schreibt:

    Kann nicht begreifen, wie jemand einem Kind so etwas antun kann.

    Muss an das Lied „Sind so kleine Hände“ von Bettina Wegner denken.

    „Sind so kleine Hände, winz`ge Finger dran.
    Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.
    Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh`n.
    Darf man nie drauf treten, könn`sie sonst nicht geh`n.

    Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
    Darf man niemals quälen, geh`n kaputt dabei.“

    Welcher fühlende und denkende Mensch ist in der Lage, Kinderseelen zu zerbrechen, ohne die Qual in den Kinderaugen zu sehen und das Grauen selbst zu spüren???

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